Tunika

 

Mit dem 10. Jh. wurde im nordeuropäischen, skandinavischen und angelsächsischen Raum die körperbetonte, enganliegende Tunika immer beliebter, wie sowohl die Fundlage vor allem in Haithabu, aber auch bildliche Darstellungen belegen. Auf dem Teppich von Bayeux sind noch zahlreiche solcher Tuniken zu sehen, auch wenn dieser aus dem 11. Jh. stammt und der untere Teil der dort abgebildeten Tuniken, auch als "Schoß" oder "Röckchen" bezeichnet, schon erheblich weiter ausgestellt waren.

Aber ich zeige hier auch noch den einfachen Schnitt mit seitlichen Schlitzen oder seitlichen Keilen.

 

Tunika 1

     

 

 

                                         

Tobias Hoffs
Tunika mit seitlichen Schlitzen
  Thorsten
Tunika mit seitlichen Keilen


Schnittmuster

 

 

 

Die Tunika besteht aus zwei rechteckigen Stoffbahnen mit gerader oder leicht angeschrägter Schulter. Das Halsloch kann weit oder eng sein, wobei bei einem engen Ausschnitt ein Schlitz eingearbeitet werden muss. Sonst kommt man mit dem Kopf nicht mehr durch. Die Seiten der Tunika können mit einem Schlitz oder Keile sein. Die Länge reicht durchschnittlich bis Mitte Oberschenkel.

     


Tunika 2

In den Funden vom Hafen, aber auch in der Siedlung und den Gräbern befanden sich Fragmente, die zu einem unterem Teil eines Männerkittels gehören. Die sogenannte Schurz schließt sich ab Taille an den oberen Teil des Kittels an. Wobei vom oberen Teil nur diverse Einzelfragmente vorhanden sind, die einen  möglichen Anhaltspunkt auf die Form geben können. Dazu gehört u.a. auch die schon bogenförmige seitliche, figurnahere Form, ein gerundetes Armloch und zusammen mit dem Ärmelfragment kann ein mögliches Schnittmuster rekonstruiert werden. Es zeigt sich dabei, dass dieser Kittel schon Hinweise auf die folgende Mode des beginnenden 11. Jh. zeigt, dem sogenannten Hochmittelalter. Dieser Kittel ist auch auf dem Teppich von Bayeux zu sehen, der Szenen aus der Schlacht um Hasting 1066 zeigt.

Das gefundene Fragment ist 4-teilig und besteht aus 2 breiteren Streifen, die sich nach unten verbreitern. Daran angesetzt sind links und rechts  je ein Keilstück. Dieses Fragment bedeckte nur etwa 1/4 der Körperseite, somit muß es also mal 4 genommen werden. Das bedeutet, der Schurz besteht aus insgesamt mind. 16 Teilen. Außerdem befand sich noch ein Schlitz zwischen den Teilstücken, der womöglich einen Tascheneingriff bedeutet, da noch winzige Reste von Stoff an der Innenseite lagen.

    Die seitlichen Keile (hellgrün) an den
beiden mittleren Streifen (braun) sind
in diesem Falle breiter wie im Original
wegen dem größeren Taillenumfang.
   
  Vorderseite         Rückseite

 

     

 

eigene Umrisszeichnung vom abgebildeten Umriß aus
"Die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu, Inga Hägg, Seite 46)

   

 

Schnittmuster 

                                      

 

 

 

 

1/4 Schurz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorder- und Rückenteil

       

 

 Der Ärmel

Zu welchem Kleidungsstück der Ärmel mal gehörte, kann man nicht mehr sagen. Aber die Vermutung liegt nahe, dass so ein Ämel bei der 2. Tunika, bzw. dem Kittel, und einem Kleid dazu gehörte, da beide Kleidungsstücke gerundete Armlöcher und einen figurnahen Schnitt  hatten. Für eine Klappenrock, der über der Kleidung getragen wird, müßte der Ärmel zumindest weiter geschnitten sein.

Der Ärmelfund aus dem Hafen von Haithabu besteht aus 3 Teilen, wobei ich vermute, das die Teile a und b des Ärmels nachträglich eingesetzt wurden. Diese befinden sich im unteren seitlichen/hinteren Unterarm- und Ellenbogen  Bereich, wo die Abnutzung und somit auch der Verschleiß beim Gebrauch eines engen Ärmels stärker ist. Auch Inga Hägg schließt es im Fundbericht (Die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu, S. 55) nicht aus. Desweiteren ist der obere Ärmelteil stark ausgefranst, so das die Armkugel nicht mehr vollständig zu erkennen ist.

 

Schnittrekonstruktion von  Inga Hägg, die Textilfunde aus dem Hafen von Haithabu, Seite 59:

Der Ärmel wurde als "Teerlappen" missbraucht und somit sind Schrumpfungen oben und unten am Ärmel vorhanden. Für oben werden 37,5 % und unten 25 % angegeben. Des Weiteren ist der obere Teil vom Ärmel nur noch unvollständig vorhanden, so das man nur vermuten kann, wie weit es an der Achsel war und wie die Armkugel aussah. Aber ausgehend von der Schnittrekonstruktion von Inga Hägg und um sich eine Vorstellung davon machen zu können, gebe ich hier mal die von mir ausgerechneten Maße an.

               

 

 

 



-------- Ellenbogenlinie S = Ansatzpunt Seitennaht

Sch = Ansatzpunkt Schulternaht
H = hinterer Ärmelbereich
V = vorderer Ärmelbereich

1) Ärmelsaum = 28 cm
2) Ellenbogen (ohne Schrumpfung) = 33,6 cm
3) Achselweite = 49 cm

Gesamte Amlänge ohne vollständiger Armkugel = 58 cm

Der Ärmel entspricht somit einer heutigen Männer Größe S oder auch Gr. 44/46.  Daher muss der Ärmel ggf. seinen eigenen Maßen angepasst werden.

 

Rekonstruktionsvorschlag 1 (mehrteilig)

Eine weiterer Rekonstruktionsmöglichkeit wäre, dass die Teile a und b (als ein eigene Schnitte) bewusst an das Teil c als Hauptteil vom Ärmel, angenäht wurde, um dem Ärmel eine bogenförmige Form zu geben.

Ich habe jetzt erst einmal das obige Schnittbild von Inga Hägg verwendet, indem ich  die Teile getrennt habe, so dass 3 Ärmelteile entstehen.

                 

 

 

 

 

 

                   

 

 

 

 


Teil 1   Teil 2   Teil 3

 

Rekonstruktionsvorschlag 2 (einteilig)

Der Ärmelschnitt sieht aus wie eine frühere Entwicklung der späteren engen Ärmel des Hoch- und Spätmittelalters. Wobei da dann noch Keile mit eingearbeitet sind. Ein Beispiel hierfür wäre der Herjolfsnes Fund eines Kleides des 13. Jh. (siehe auch Inga Hägg, Die Textilfunde aus dem Hafen, Seite 172, Abb. 3 a-b). In dieser Rekonstruktion gehe ich davon aus, dass der Ärmel aus einem Stück war und dass das Teil a/b erst später eingesetzt wurde, als Reperatur?, da es sich im Ellbogenbereich befindet, der gerade bei engen Ärmeln stark beansprucht wird.

 

 

S = Punkt unter dem Arm, wo bei modernen Ärmeln die Unterarmnaht beginnt

Sch = Schulterpunkt

     

 

 

 

 

 

Copyright © 2013. All Rights Reserved.